
Die EU hat ambitionierte Ziele für eine klimaverträgliche Beschaffung formuliert. Ob öffentliche Auftraggeber diese Ziele tatsächlich erreichen – gemessen in vermiedenen Tonnen CO₂, nicht in abgehakten Kriterien –, kann heute kaum jemand beantworten. Eine neue Analyse von OCP und IISD zeigt: Die Rohdaten für eine solche Schätzung werden bereits erhoben. Es fehlt nicht an Daten, sondern an deren konsequenter Nutzung.
Dieser Beitrag ist eine redaktionell bearbeitete Übersetzung des Artikels „Europe’s Sustainable Public Procurement Ambition Has a Measurement Problem“ von Umrbek Allakulov, Sharmila Erizaputri und Karolis Granickas, veröffentlicht vom International Institute for Sustainable Development (IISD). Die Analyse stammt von Open Contracting Partnership und IISD.
Weltweit und innerhalb der EU gilt die öffentliche Beschaffung als eines der wirksamsten Politikinstrumente auf dem Weg zu einer CO₂-armen Wirtschaft. Sie kann Märkte formen, grüne Technologien fördern und Emissionen in besonders energieintensiven Branchen senken. Der politische Wille ist erkennbar: Das Pariser Abkommen, der European Green Deal, die Richtlinie über saubere Fahrzeuge und die Gebäudeenergieeffizienzrichtlinie stellen ausdrückliche Anforderungen an öffentliche Auftraggeber, bei ihrer nachhaltigen Beschaffung Umweltkriterien anzuwenden.
Doch fragt man heute eine Regierung, ob ihre Beschaffung diese Ambitionen tatsächlich einlöst – in vermiedenen CO₂-Tonnen, nicht in erfüllten Checklisten –, lautet die ehrliche Antwort: Wir wissen es nicht.
Absichtserklärungen statt Wirkungsmessung
Die Art und Weise, wie grüne Beschaffung (englisch: Green Public Procurement, GPP) derzeit beobachtet wird, ist bezeichnend. Die meisten Systeme – darunter auch das Dashboard der Europäischen Kommission im neuen Beschaffungsdatenraum (Public Procurement Data Space, PPDS) – erfassen, ob ein Auftraggeber ein Umweltziel deklariert hat. Ob dieses Verfahren tatsächlich zu weniger Emissionen geführt hat, bleibt offen.
Um die Lücke zu verstehen, lohnt es sich, Monitoring-Ansätze für grüne Beschaffung in drei Ebenen zu unterteilen:
- Institutionalisierung: Sind die richtigen Rahmenbedingungen vorhanden – nationale Aktionspläne, Kriterienkataloge, Schulungen für Einkäufer?
- Outputs: Wie viele Ausschreibungen enthielten Umweltkriterien, in welchen Sektoren, mit welchem Volumen? Auf dieser Ebene operieren die meisten Monitoring-Systeme, einschließlich des PPDS.
- Ergebnisse: Wie viele Tonnen CO₂ wurden tatsächlich vermieden, wie viel Wasser eingespart, wie viele Materialien aus dem Abfallkreislauf gehalten?
Die dritte Ebene ist die entscheidende – und die am wenigsten entwickelte. Das ist keine bloß technische Einschränkung. Es ist eine grundlegende Schwäche der Datengrundlage, auf der politische Entscheidungen beruhen. Ohne zu wissen, welche Wirkung grüne Beschaffung entfaltet, können Regierungen nicht skalieren, was funktioniert, korrigieren, was nicht funktioniert, oder Lieferanten davon überzeugen, Umweltanforderungen ernst zu nehmen.
Das Ergebnis ist eine verpasste Chance erheblichen Ausmaßes. Öffentliche Beschaffung verfügt über die Einkaufsmacht, Märkte zu transformieren. Ohne Werkzeuge zur Wirkungsmessung bleibt sie eher eine Checkbox-Übung als ein strategisches Instrument.
Die benötigten Daten werden bereits erhoben
IISD und OCP haben diese Frage genauer untersucht. Die Ausgangshypothese: Die Daten, die zur Messung des Umwelteffekts öffentlicher Beschaffung benötigt werden, werden größtenteils bereits erfasst – sie werden nur nicht für diesen Zweck genutzt.
Geprüft wurde, ob die Beschaffungsdaten, die bereits durch den PPDS und das TED-Datenökosystem fließen, mit etablierten Methoden zur Umweltfolgenabschätzung kombiniert werden könnten, um belastbare Schätzungen zu CO₂-Emissionen und Einsparpotenzialen zu generieren – ohne neue Meldepflichten für Auftraggeber einzuführen.
Der PPDS war im September 2024 von der Europäischen Kommission gestartet worden. Er bringt erstmals Beschaffungsdaten aus TED und nationalen Systemen in einer gemeinsamen Analyseumgebung zusammen.
Als Pilotbereiche wählten die Autoren zwei Sektoren mit hohem Beschaffungsvolumen und zentraler Relevanz für die Klimaagenda: Bauarbeiten (relevant für die Gebäudeenergieeffizienzrichtlinie) und Fahrzeuge (relevant für die Clean Vehicles Directive). Als Testdatensatz wurden deutsche Auftragsvergabedaten genutzt.
Für jeden Auftrag wurde der Ausgabenwert ermittelt und mit bekannten Emissionsfaktoren (CO₂ pro ausgegebenem Euro in diesem Sektor) verknüpft. Dieser Ansatz – ausgabenbasierte Schätzung – ist nicht die präziseste Methode, aber die einzige, die mit den aktuell im PPDS verfügbaren Daten funktioniert, da detaillierte Mengen- und Einheitenangaben fehlen.
Was die Zahlen zeigen
Der Ausgangspunkt: 2,5 Millionen Beschaffungszeilen im PPDS, Daten von Juli 2018 bis Dezember 2025. Da fast keine Verträge Angaben zu Mengen oder Einheiten enthielten – wie viele Fahrzeuge beschafft wurden, wie viele Quadratmeter gebaut wurden –, mussten die Emissionen allein über Vertragswerte geschätzt werden. Fehlende und inkonsistente Klassifikationsfelder machten eine starke Filterung notwendig: Der verwertbare Datensatz schrumpfte auf 125 Fahrzeugverträge und 5.623 Bauaufträge.
Das ist ein direktes Abbild des aktuellen Zustands strukturierter Beschaffungsdaten in der EU.
Im Bereich Bauarbeiten erzielen die bereits mit grünen Kriterien verknüpften Verträge eine geschätzte Einsparung von mehr als 42 Millionen kg CO₂e gegenüber einer konventionellen Bauweise. Das ist ein relevanter Beitrag – aber nur ein Bruchteil des Möglichen.
Würden alle Beschaffungen im untersuchten Sample als „grün“ eingestuft, betrügen die zusätzlichen Einsparungen schätzungsweise 898 Millionen kg CO₂e. Das ist mehr als das 21-fache der durch bereits grün getaggte Verträge erreichten Einsparungen.
Im Bereich Fahrzeuge zeichnet sich ein ähnliches Bild: Würden alle Fahrzeugbeschaffungen im Sample mit grünen Kriterien versehen (und nur batterieelektrische Fahrzeuge gekauft), wären die zusätzlichen Einsparungen mehr als fünfmal so hoch wie das, was die bereits grün getaggten Verträge heute leisten.
Diese Zahlen sind beispielhaft und keine genaue Messung. Aber selbst als grobe Schätzungen machen sie eines deutlich: Das in der öffentlichen Beschaffung angelegte Umweltpotenzial ist erheblich größer als das, was aktuelle grüne Beschaffungspraktiken ausschöpfen. Und es lässt sich – mit Daten, die Regierungen bereits erheben – sichtbar und messbar machen.
Ein lösbares Problem
Die Datenlücken sind real, aber nicht unüberwindbar. Die Kette von Daten zu Wirkung ist logisch: Bessere Daten schaffen Transparenz darüber, was Beschaffung wirklich leistet. Transparenz ermöglicht Rechenschaftspflicht für Auftraggeber, politische Entscheidungsträger und Lieferanten. Rechenschaftspflicht treibt eine ambitioniertere und konsequentere Anwendung grüner Kriterien. Und mehr grüne Beschaffung führt zu realer Umweltwirkung.
Für eine EU-weite Wirkungsmessung müssen keine Beschaffungssysteme von Grund auf neu gebaut werden. Es braucht gezielte, verhältnismäßige Verbesserungen am Bestehenden. Konkret benennen die Autoren zwei Maßnahmen:
Erstens: Die Nutzung von Umweltziel-Kennzeichnungen in eForms – insbesondere der Kategorie „Reduzierung von Umweltauswirkungen“ – sollte durch verbindliche Leitlinien klargestellt und EU-weit vereinheitlicht werden, damit sie in allen Mitgliedstaaten konsistent angewendet wird.
Zweitens: Für Verfahren, die bereits als umweltstrategisch markiert sind, sollten Mengendaten gestärkt werden. Das bedeutet: strukturierte Pflichtangaben zu Mengen, Einheiten und zusätzlichen Klassifikationscodes – unter Nutzung kontrollierter Vokabulare im Einklang mit den Vergabe-CPV-Codes.
Ein Dreiphasen-Fahrplan
Die Autoren schlagen einen schrittweisen Umsetzungsfahrplan vor:
Kurzfristig: Wirkungsmessung auf weitere prioritäre Sektoren ausdehnen – etwa IT-Hardware und Energieeffizienz –, unter Nutzung bereits verfügbarer strukturierter Daten: Produktklassifikationscodes, Vertragswerte, Auftraggeber-Land. Methodik im PPDS-Datensatz testen und verfeinern.
Mittelfristig: Wirkungsindikatoren im PPDS als experimentelle „Beta“-Dashboards einführen, klar als Schätzungen gekennzeichnet. Mitgliedstaaten werden (ohne Pflicht) ermutigt, positionsbezogene Daten für Verfahren mit expliziten Umweltzielen zu stärken.
Langfristig: Wenn Datenvollständigkeit und -konsistenz ausreichend verbessert sind, werden Umweltwirkungsindikatoren zu Kernergebnissen des PPDS – als Grundlage für routinemäßiges Policy-Monitoring, Benchmarking und Evaluation nationaler GPP-Ziele.
Einladung zum Handeln
Die Dateninfrastruktur zur Verfolgung öffentlicher Aufträge in Europa steht. Die Methodik zur Messung realer Wirkung ist nachgewiesen. Was jetzt gebraucht wird, ist das Bekenntnis der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlaments und der Mitgliedstaaten, die Lücke zwischen den heute erfassten Daten und den Erkenntnissen, die sie liefern könnten, zu schließen.
Bei der Reform der EU-Vergaberegeln darf die Messung der Ergebnisse kein Anhängsel sein. Jeder Euro öffentlicher Ausgaben hat Umweltfolgen – unabhängig davon, ob sie gemessen werden. Die Frage ist, ob Regierungen sich entscheiden, diese Folgen zu kennen und auf Grundlage dieses Wissens zu handeln.
Quelle: Allakulov, U., Erizaputri, S. & Granickas, K. (2026). „Europe’s Sustainable Public Procurement Ambition Has a Measurement Problem.“ International Institute for Sustainable Development (IISD).
Der technische Bericht mit der Methodik ist auf Anfrage verfügbar. Kontakt: sharmila.erizaputri@iisd.net
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Titelbild: cosinex / OpenAI


