
Seit 2021 werden Daten zur öffentlichen Beschaffung in Deutschland systematisch erhoben. Mit den jüngst veröffentlichten Daten des Kalenderjahres 2024 liegen vier vollständige Jahrgänge vor. Wir schauen uns die Zahlen genauer an.
Hinweis zur Methodik: Die Daten entstammen der von Destatis erfassten und veröffentlichten Vergabestatistik auf Grundlage der Vergabestatistikverordnung (VergStatVO). Erfasst werden Aufträge ab einem Auftragswert von 1.000 Euro. Werte sind quartalsweise ausgewiesen und wurden für diesen Beitrag zu Jahressummen aggregiert. Sämtliche Werte sind von Destatis als Schätzwerte ausgewiesen – eine direkte Vollerhebung liegt nicht vor. Zur Datenqualität im Detail siehe den Abschnitt am Ende dieses Beitrags.
Der Markt im Überblick
Öffentliche Aufträge und Konzessionen in Deutschland: 2024 wurden 199.334 Aufträge mit einem Gesamtvolumen von 135,2 Milliarden Euro vergeben. Verglichen mit dem ersten Erhebungsjahr 2021 sind das 9,5 Prozent mehr Aufträge und 30 Prozent mehr Volumen.
Das Volumen schwankt dabei stärker als die Anzahl: 2022 gab es einen Sprung auf 131,6 Milliarden Euro, 2023 fiel das Volumen wieder auf 123,5 Milliarden – obwohl die Anzahl der Aufträge weiter stieg. 2024 wurde mit 135,2 Milliarden Euro ein neuer Höchstwert erreicht.
| Jahr | Anzahl Aufträge | Volumen (Mrd. €) |
|---|---|---|
| 2021 | 182.033 | 103,9 |
| 2022 | 188.916 | 131,6 |
| 2023 | 195.493 | 123,5 |
| 2024 | 199.334 | 135,2 |
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Der Bund beschafft immer mehr
Der auffälligste Trend im Datensatz betrifft den Bund. Im Oberschwellenbereich (EU-weite Ausschreibungen) hat das Bundesvolumen seit 2021 um 115 Prozent zugelegt: von 21,0 Milliarden Euro auf 45,1 Milliarden Euro im Jahr 2024. Der Anteil des Bundes am gesamten Oberschwellenvolumen stieg von 27 auf 44 Prozent.
Besonders deutlich wird der Treiber beim Blick auf Lieferaufträge: Der Bund vergab 2021 Lieferaufträge über die EU-Schwellenwerte im Wert von 6,6 Milliarden Euro – bis 2024 stieg dieser Wert auf 18,1 Milliarden Euro (+172 %). Der Anstieg korreliert zeitlich mit der Zeitenwende und dem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr, das ab 2022 wirksam wurde.
Die Länderebene zeigt dagegen eine andere Dynamik: Das Volumen der Länder stagniert zwischen 21 und 26 Milliarden Euro. Kommunen wuchsen moderat von 15,5 auf 21,1 Milliarden Euro.
| Jahr | Bund | Länder | Kommunen | Sonstige |
|---|---|---|---|---|
| 2021 | 21,0 | 26,2 | 15,5 | 13,9 |
| 2022 | 34,4 | 21,9 | 18,5 | 25,5 |
| 2023 | 35,7 | 22,1 | 17,9 | 14,5 |
| 2024 | 45,1 | 21,1 | 21,1 | 14,9 |
| Jahr | Bund | Länder | Kommunen | Sonstige |
|---|---|---|---|---|
| 2021 | 6,6 | 5,2 | 2,6 | 5,6 |
| 2022 | 14,3 | 5,5 | 3,3 | 16,0 |
| 2023 | 14,3 | 6,2 | 4,6 | 7,6 |
| 2024 | 18,1 | 6,1 | 6,2 | 10,2 |
Auftragsarten: Dienstleistungen dominieren, Lieferaufträge legen am stärksten zu
Gemessen an der Anzahl der EU-weit ausgeschriebenen Aufträge dominieren Dienstleistungsaufträge klar mit 13.832 Aufträgen im Jahr 2024 (2021: 11.493). Lieferaufträge folgen mit 8.858, Bauaufträge mit 897.
Das Verhältnis beim Volumen ist eine andere Geschichte: Dienstleistungs- und Lieferaufträge liegen 2024 nahezu gleichauf – beide bei rund 40,5 Milliarden Euro. Lieferaufträge haben sich dabei fast verdoppelt (2021: 20,1 Mrd.), während Dienstleistungsaufträge 2023 einen deutlichen Rückgang verzeichneten und 2024 wieder anzogen. Bauaufträge wuchsen kontinuierlich von 11,7 auf 20,9 Milliarden Euro.
| Jahr | Dienstleistungen | Lieferaufträge | Bauaufträge | Gesamt |
|---|---|---|---|---|
| 2021 | 44,6 | 20,1 | 11,7 | 76,4 |
| 2022 | 45,4 | 39,1 | 14,4 | 98,9 |
| 2023 | 38,4 | 32,7 | 18,7 | 89,8 |
| 2024 | 40,7 | 40,6 | 20,9 | 102,2 |
Verfahrensarten Unterschwelle: Öffentliche Ausschreibung gewinnt
Im Unterschwellenbereich gibt es drei Verfahren, die die Praxis dominieren: die öffentliche Ausschreibung, die beschränkte Ausschreibung und die freihändige Vergabe. Ihre Entwicklung zwischen 2021 und 2024 zeigt eine klare Richtung.
- Die öffentliche Ausschreibung wächst von 55.216 auf 68.297 Aufträge (+24%).
- Die freihändige/Verhandlungsvergabe ohne Teilnahmewettbewerb stagniert auf hohem Niveau (50.022 → 47.088).
- Die beschränkte Ausschreibung ist leicht rückläufig (32.659 → 31.394).
Das lässt den Schluss zu, wonach das offenste und wettbewerblichste Verfahren im Unterschwellenbereich gewinnt. Ob dieser Trend durch steigende Wertgrenzen gebremst wird, bleibt abzuwarten – die Daten reichen nur bis 2024, die großen Wertgrenzenerhöhungen der Bundesländer greifen teils erst danach.
| Jahr | Öffentliche Ausschreibung | Beschränkte Ausschreibung | Freihändige Vergabe | Sonstiges |
|---|---|---|---|---|
| 2021 | 55.216 | 34.638 | 52.388 | 19.984 |
| 2022 | 62.005 | 33.446 | 50.212 | 21.154 |
| 2023 | 67.656 | 33.638 | 47.813 | 23.070 |
| 2024 | 68.297 | 33.139 | 48.662 | 25.644 |
Zuschlagskriterium Preis: Dominanz nimmt zu
Ein unbequemer Befund: Der Preis als alleiniges Zuschlagskriterium hat zwischen 2021 und 2024 an Bedeutung gewonnen: 107.285 Aufträge wurden 2021 allein nach dem Preis vergeben – 2024 waren es 125.837 (+ 17 %).
Gleichzeitig wächst auch das Kriterium Preis und Qualität von 18.429 auf 23.898 (+ 30 %). Der Unterschied: Preis dominiert weiterhin klar und macht im Jahr 2024 rund 81 Prozent der Aufträge mit bekanntem Zuschlagskriterium aus.
Was sich positiv entwickelt: Die Anzahl der Aufträge ohne Angabe des Zuschlagskriteriums sinkt von 53.394 auf 46.923. Die Meldequalität verbessert sich – was die Aussagekraft der Zahlen erhöht.
| Jahr | Preis | Preis und Qualität | Kosten und Qualität | Kosten |
|---|---|---|---|---|
| 2021 | 107.285 | 18.429 | 2.041 | 865 |
| 2022 | 114.856 | 20.573 | 2.022 | 828 |
| 2023 | 122.048 | 22.271 | 2.075 | 588 |
| 2024 | 125.837 | 23.898 | 2.022 | 649 |
Der Binnenmarkt spielt kaum eine Rolle
EU-weite Ausschreibungen sollen den europäischen Binnenmarkt öffnen. In der Praxis gehen 97–99 Prozent des deutschen Oberschwellenvolumens an Unternehmen mit Sitz in Deutschland. EU-Mitgliedstaaten erhalten zwischen 1,1 und 3,8 Prozent, Drittstaaten konstant rund 0,5 Prozent.
Das ist kein neues Phänomen – aber die Vergabestatistik liefert belastbare Zahlen dafür. Besonders ausgeprägt ist die Inländerpräferenz auf kommunaler Ebene: Kommunen vergaben 2024 Aufträge im Wert von 20,7 Milliarden Euro an inländische Unternehmen – EU-Anbieter erhielten 0,1 Milliarden Euro, was einem Marktanteil von 0,5 Prozent entspricht. Beim Bund ist der EU-Anteil mit 5 Prozent (2,15 Mrd. Euro) noch am höchsten – dürfte aber teils auf Rüstungsbeschaffung bei europäischen Anbietern zurückgehen.
Bemerkenswert ist die Volatilität: 2022 stieg der EU-Anteil auf 3,8 Prozent – vermutlich getrieben durch Energiebeschaffungen im Zuge der Ukraine-Krise. 2023 brach er auf 1,1 Prozent ein, 2024 stieg er wieder auf 2,9 Prozent. Strukturelle Öffnung sieht anders aus.
Die EU-Kommission sieht in der mangelnden grenzüberschreitenden Auftragsvergabe eines der zentralen Defizite des europäischen Vergaberechts. Die laufende Revision der Vergaberichtlinien adressiert das Thema – ob erfolgreich, werden künftige Jahrgänge dieser Statistik zeigen.
| Jahr | Deutschland | EU-Mitgliedstaaten | Drittstaaten | Gesamt | EU-Anteil |
|---|---|---|---|---|---|
| 2021 | 73,5 Mrd. | 1,4 Mrd. | 0,3 Mrd. | 75,2 Mrd. | 1,9 % |
| 2022 | 94,4 Mrd. | 3,8 Mrd. | 0,5 Mrd. | 98,7 Mrd. | 3,8 % |
| 2023 | 86,6 Mrd. | 0,9 Mrd. | 0,4 Mrd. | 87,9 Mrd. | 1,0 % |
| 2024 | 97,4 Mrd. | 2,9 Mrd. | 0,5 Mrd. | 100,8 Mrd. | 2,9 % |
Nachhaltigkeitskriterien: Soziales wächst am schnellsten
Für Aufträge im Unterschwellenbereich erhebt die Vergabestatistik, ob Nachhaltigkeitskriterien angewendet wurden. Die Daten zeigen eine klare Rangfolge: Umweltorientierte Kriterien sind am häufigsten (2024: 19.946 Aufträge), soziale Kriterien folgen (15.828), innovative Kriterien spielen eine Nebenrolle (3.705).
Das bemerkenswerteste Wachstum zeigen die sozialen Kriterien: +70 Prozent zwischen 2021 und 2024. Umweltkriterien wuchsen um 30 Prozent. Innovative Kriterien blieben nahezu konstant – Innovation als Zuschlagskriterium kommt in der Vergabepraxis kaum an.
Der Anstieg sozialer Kriterien könnte mit der bundesweiten Diskussion um Tariftreue, dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und dem vergaberechtlichen Mindestlohn zusammenhängen.
| Jahr | Umweltorientierte Kriterien | Soziale Kriterien | Innovative Kriterien |
|---|---|---|---|
| 2021 | 15.389 | 9.317 | 3.505 |
| 2022 | 15.778 | 10.137 | 3.897 |
| 2023 | 18.155 | 12.020 | 4.042 |
| 2024 | 19.946 | 15.828 | 3.705 |
Was die Daten können – und was nicht
Die Vergabestatistik ist jung. Die Meldepflicht nach der Vergabestatistikverordnung gilt erst seit 2021; die vier vorliegenden Jahrgänge sind der vollständige verfügbare Bestand. Das verdient einen nüchternen Blick auf die Belastbarkeit der Daten.
Alle Werte sind Schätzwerte. Destatis kennzeichnet sämtliche Einträge im Datensatz als geschätzt. Eine Vollerhebung – also eine lückenlose Meldung jedes einzelnen Auftrags – liegt (noch) nicht vor. Die Zahlen beruhen auf hochgerechneten Meldungen, deren Vollständigkeit je nach Auftraggeber und Auftragstyp variiert.
Geheimhaltung begrenzt die Tiefe. Wo Fallzahlen klein sind, unterdrückt Destatis die Werte aus Gründen statistischer Geheimhaltung. So sind in der Tabelle zu Verfahrensarten auf EU-Ebene knapp 60 Prozent der Zellen aus diesem Grund leer. Im Bundesländervergleich betrifft das rund 35 Prozent der Einträge. Die Aggregatdaten auf Deutschland-Ebene – auf die sich die Auswertungen in diesem Beitrag stützen – sind dagegen weitgehend vollständig.
Die Meldequalität verbessert sich. Bei den Zuschlagskriterien fehlte 2021 für 15 Prozent der gemeldeten Aufträge die Angabe zum verwendeten Kriterium. Bis 2024 sank dieser Anteil auf 12 Prozent. Der Trend ist positiv, aber die Lücke bleibt relevant: Bei rund 47.000 Aufträgen jährlich ist unklar, nach welchem Kriterium entschieden wurde.
Ausblick
Mit Inkrafttreten des Vergabebeschleunigungsgesetzes am 1. Juli verändert sich auch die Aussagekraft der Vergabestatistik, denn vorgesehen ist, die Pflicht zur Abfrage der Vergabestatistik von 25.000 Euro auf 50.000 Euro zu erhöhen. Damit dürften die hier vorgestellten Jahrgänge 2021 bis 2024 diejenigen mit der größten Aussagekraft und der höchsten Vergleichbarkeit zwischen den Jahren bleiben.
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