
Die OECD hat eine vergleichende Studie zur Professionalisierung der öffentlichen Beschaffung durch Zertifizierungssysteme veröffentlicht. Das Papier analysiert die Praxis in 15 Ländern und gibt Empfehlungen für die Einführung solcher Rahmenwerke.
Die öffentliche Auftragsvergabe macht in OECD-Ländern durchschnittlich 12,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und 29,9 Prozent der gesamten Staatsausgaben aus. Angesichts dieses Volumens und der zunehmenden strategischen Bedeutung der Beschaffung wächst der Bedarf an qualifizierten Fachkräften. Ein Zertifizierungsrahmen kann dabei helfen, die Kompetenzen von Vergabepraktikern zu standardisieren und anzuerkennen.
Für die Studie befragte die OECD 15 Länder, darunter neun OECD-Mitgliedstaaten wie Chile, Frankreich, Ungarn, Israel, Litauen, Norwegen, die Slowakei und das Vereinigte Königreich. Auch EU-Beitrittskandidaten wie Kroatien, Rumänien und Serbien sowie Peru, Brasilien und Albanien beteiligten sich.
Zertifizierung als Baustein der Professionalisierung
Ein Zertifizierungsrahmen bestätigt das Kompetenzniveau, das Vergabepraktiker durch Ausbildung oder Schulungsprogramme erworben haben. Er ist in der Regel mit einem Kompetenzmodell verknüpft, das die relevanten Fähigkeiten und deren Ausprägungsgrade abbildet. Mehrere Länder orientieren sich dabei am europäischen Kompetenzrahmen ProcurCompEU.
Die OECD empfiehlt für Professionalisierungsinitiativen drei Schritte: zunächst eine Bestandsaufnahme des aktuellen Professionalisierungsgrades, dann die Entwicklung einer Strategie und schließlich deren Umsetzung. Zertifizierungssysteme können dabei verschiedene Elemente umfassen – von der Schaffung eines Kompetenzmodells über die Anerkennung der Beschaffung als eigenständigen Beruf bis hin zu Anreizsystemen für qualifizierte Fachkräfte.
Nutzen und Herausforderungen
Die befragten Länder bewerten die Auswirkungen ihrer Zertifizierungsrahmen positiv. Alle Befragten sehen Vorteile bei der Anerkennung der öffentlichen Beschaffung als professionelle Aufgabe, bei der Anerkennung von Kompetenzniveaus und bei der Steigerung des Professionalitätsgefühls unter den Beschäftigten.
Ein Zertifizierungsrahmen kann auch für Rekrutierung und Beförderung genutzt werden. In 73 Prozent der befragten Länder ist eine Zertifizierung unter bestimmten Bedingungen verpflichtend – etwa für den Zugang zum E-Vergabesystem, für die Durchführung bestimmter Verfahren oder für bestimmte Positionen.
Die Einführung eines Zertifizierungssystems ist allerdings mit Verwaltungskosten verbunden und kann Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben. Die Vorbereitungs- und Einführungsphase dauerte in den befragten Ländern zwischen eineinhalb und fünf Jahren.
Gestaltungselemente
Bei der Konzeption eines Zertifizierungsrahmens sind mehrere Faktoren zu berücksichtigen: Zweck, Klassifizierung, Bedingungen für den Erwerb sowie Gültigkeit und Erneuerungsbedingungen.
Die Klassifizierung variiert zwischen den Ländern. Am häufigsten (69 Prozent) findet sich eine Einteilung nach Kompetenzstufen wie Basis, Fortgeschritten und Experte. Andere Länder differenzieren nach Jobprofilen oder thematischen Spezialisierungen wie nachhaltige Beschaffung.
In 53 Prozent der befragten Länder ist die Teilnahme an einer Schulung vor der Prüfung verpflichtend. Die Prüfungsformate unterscheiden sich: 86 Prozent setzen auf schriftliche Multiple-Choice-Tests, während das Vereinigte Königreich ausschließlich mündliche Prüfungen durchführt.
Die Gültigkeitsdauer der Zertifikate reicht von zwei Jahren (Ungarn, Peru) über drei Jahre (Österreich, Chile, Kroatien) bis zu fünf Jahren (Litauen, Vereinigtes Königreich, Brasilien, Albanien). In 40 Prozent der Länder gilt das Zertifikat unbefristet.
Empfehlungen der OECD
Die OECD empfiehlt Ländern, die einen Zertifizierungsrahmen einführen möchten, zunächst den konkreten Qualifizierungsbedarf zu ermitteln. Darauf aufbauend sollten sie den Verwaltungsaufwand minimieren, das Bewusstsein bei Entscheidungsträgern schärfen und aus den Erfahrungen anderer Länder lernen.
Kurzfristig sollten Länder einen Business Case entwickeln, Kosten und Nutzen abschätzen, finanzielle Ressourcen sichern und Governance-Strukturen definieren. Langfristig folgen die Gestaltung aller Elemente des Rahmens, Sensibilisierungsmaßnahmen, Qualitätskontrolle und Wirkungsmessung.
Quelle
Die Studie wurde im Rahmen eines von der Europäischen Union finanzierten Projekts zur Professionalisierung der estnischen Vergabepraxis erstellt und kann hier heruntergeladen werden.
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